„Mein Ein und Alles“

„Mein Ein und Alles“von Gabriel Tallent, Penguin Verlag, 1. Auflage, 2018
Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel „My Absolute Darling“

Dies könnte eine ganz normale Familie sein. Da ist ein Daddy (Martin), der in einem Haus in den Wäldern Kaliforniens, seine vierzehnjährige Tochter (Julia) alleine großziehen muss, weil Julias Mutter durch einen Unfall ums Leben gekommen ist. Böse Zungen behaupten auch, sie hätte „es“ nicht mehr ausgehalten. Der einzige Nachbar ist Grandpa, der mit seinem alten Hund in einem Wohnwagen im verwilderten Obstgarten haust. Verwildert ist nicht nur der Garten. Der raue Martin, der Großvater, das Haus, beinahe alles, womit es Julia, in ihrem Leben zu tun hat, ist rau und wild.
Wobei sie mit der echten Wildnis kein Problem hat. Sie ist eine Überlebenskünstlerin, sie liebt die Natur, ihre Waffen, die Schule weniger.
Julia hat viele Namen. Ihr Daddy nennt sie Krümel, ihr Grandpa nennt sie Liebchen, sie selbst zieht es vor, Turtle genannt zu werden. In ganz besonderen Momenten nennt sie ihr Daddy „mein Ein und Alles“, und er meint es wortwörtlich. Wenn Martin seine Tochter sein „Ein und Alles“ nennt, will er damit sagen, dass er ohne sie nicht leben kann, dass er sie nicht loslassen kann oder will und dass sie ihm ganz allein gehört. Diesen Besitzanspruch verteidigt er mit Perversion, Gewalt, Aggression und Missbrauch.
Es gibt Menschen in Turtles Umfeld, die den Wahnsinn und die Gewalttätigkeit des Vaters erkennen, erahnen, doch Turtle lässt sich nicht helfen, so scheint es. Einige Menschen unternehmen hilflose Versuche, der Großvater überlebt so einen Versuch nicht. Julia muss immer gut überlegen, was sie sagt, wie weit sie gehen kann. Sie bereut öfter, zu viel gesagt zu haben, daher rührt auch ihre besonnene Art, die man auch als wortkarg bezeichnen könnte.
Mit jedem Kapitel wird es gefährlicher, für Turtle. Sie ist das Opfer ihres Daddys, sie will aber unabhängig sein, dennoch ist sie abhängig von seiner Liebe, auch von seiner körperlichen Nähe.
Je mehr das Mädchen um ihre Unabhängigkeit kämpft, desto mehr muss sie bei ihrem Daddy leiden. Schließlich bringt Martin das Fass zum Überlaufen, als er sich ein neues Opfer nach Hause holt. Turtle kämpft nun, aber im wahrsten Sinne des Wortes, mit ihren Waffen gegen ihren Vater.
Gabriel Tallent hat acht Jahre an seinem Roman gearbeitet. Er betont in einem Interview, dass er über ein Mädchen schreibe, das für seine Seele kämpfe.
Wer etwas über Waffen, die Natur in Kalifornien lernen möchte, muss nur Gabriel Tallents detaillierten Beschreibungen nachgehen.
Ich finde viele Gründe, weshalb ich dieses Buch als gut bezeichnen kann. Sehr viele Geschichten, die derzeit veröffentlicht werden, basieren auf dem Gedankengut von „Gutmenschen“. Und diese Geschichten werden gerne gelesen. Für mich sind diese Texte realitätsfern. Tallents Roman ist nicht fern der Realität, denn Grausames passiert ständig, überall, kaum jemand bleibt davon verschont, jeder muss das in sein Leben integrieren ohne verrückt zu werden. Die Frage ist, ob man davonläuft oder sich stellt. Die Beschreibung des „Normalen“ erscheint so machen grausam. Gabriel Tallent ist Amerikaner, darum kann er auch so unverhohlen über den Umgang mit Waffen schreiben. Eine Waffe, eine Sache an sich kann niemals schlecht oder gefährlich sein. Es kommt immer darauf an, wie wir damit umgehen. Mit einem Hammer sind schon viele Köpfe eingeschlagen worden. Mit einem Hammer wurden schon viele Häuser gebaut.
Ein Roman, das den Horizont in vielerlei Hinsicht erweitern kann!

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